
Am 8. Januar 2026 lud das Sprachenzentrum die Turkologin und Türkischlektorin Olga Virnyk ein. Im Rahmen der Veranstaltung wurde Şahmaran, eine der bedeutenden mythologischen Figuren des Kulturraums Anatolien und Mesopotamien, aus einer interdisziplinären Perspektive behandelt. Ziel des Vortrags war es, die Şahmaran-Mythologie nicht nur als folklorische Erzählung, sondern als ein vielschichtiges kulturelles Phänomen im Kontext von Geschichte, Mythologie, kulturellem Gedächtnis und symbolischem Denken zu betrachten.
Im ersten Teil der Veranstaltung ging Olga Virnyk auf die historischen Ursprünge des Şahmaran-Mythos ein und erläuterte ausführlich die Verbindungen der Figur zu mesopotamischen Mythologien sowie ihre Verankerung in Anatolien durch mündliche Überlieferung. Hervorgehoben wurde, wie die halb Frau, halb Schlange gestaltete Figur der Şahmaran ihre Bedeutung aus der symbolischen Verknüpfung der Schlange mit Wissen, Unsterblichkeit und Wiedergeburt in alten Kulturen gewinnt. In diesem Zusammenhang wurde Şahmaran als eine mythologische Figur interpretiert, die die symbolischen Grenzlinien zwischen Mensch und Natur, Körper und Wissen sowie Macht und Verletzlichkeit repräsentiert.
Im weiteren Verlauf des Vortrags wurden die zentralen Themen von Weisheit, Heilung und Verrat in der Şahmaran-Erzählung beleuchtet. Während Şahmaran in verschiedenen Varianten des Mythos als Trägerin geheimen Wissens und als Quelle der Heilung dargestellt wird, bildet die Offenlegung dieses Wissens durch den Menschen – aus Zwang, Eigennutz oder Angst – den tragischen Wendepunkt der Erzählung. Olga Virnyk betonte, dass diese narrative Struktur im Zusammenhang mit der ethischen Verantwortung von Wissen, Machtverhältnissen und menschlichen Schwächen gelesen werden könne.
Darüber hinaus wurde die Bedeutung der Şahmaran-Figur im Hinblick auf weibliche Weisheit und alternative Machtkonzepte diskutiert. Im Gegensatz zu männlich dominierten mythologischen Erzählungen öffnet Şahmaran als weibliche Figur, die Wissen und Autorität verkörpert, den Raum für aktuelle akademische Debatten zu Geschlechterrollen und kulturellen Repräsentationen. In dieser Hinsicht wurde der Mythos nicht nur als Erzählung der Vergangenheit, sondern als dynamische kulturelle Struktur verstanden, die für zeitgenössische Interpretationen offen ist.
Im letzten Teil des Vortrags wurde anhand von Beispielen aufgezeigt, wie die Şahmaran-Erzählung durch Volksliteratur, traditionelle Künste (Hinterglasmalerei, Miniaturen) sowie zeitgenössische kulturelle Produktionen bis in die Gegenwart weitergegeben wird. Diese Übertragungsprozesse verdeutlichten, wie der Mythos sich in Abhängigkeit von Zeit und Raum wandelt und zugleich seine Kontinuität im kulturellen Gedächtnis bewahrt.
Die Veranstaltung bot den Teilnehmenden die Möglichkeit, die Şahmaran-Mythologie in ihrer historischen Tiefe, symbolischen Vielfalt und ihren aktuellen Deutungsmöglichkeiten zu reflektieren und machte die Bedeutung mythologischer Erzählungen für kulturelle Identität, Erinnerung und Sinnstiftung sichtbar.




